Architektur im Wandel der Geschlechterverhältnisse

Ein Gebäude ist wie ein Container – etwas, was als Barriere fungiert und sich dir in den Weg stellt. Ehrlich gesagt wäre es schön, wenn es keine Gebäude gäbe. Wenn ich in der Nacht auf die Straße gehe und in die behaglich erleuchteten Wohnungen sehe, überkommt mich ein Ekelgefühl. Man kann natürlich nicht ohne Gebäude leben. Auch der Ekel ist eine sehr subjektive Reaktion. Trotzdem steht ein Gebäude immer für eine Kultur, eine Zeit, einen Stil – kurz: für Macht … Ich mag Gebäude allgemein nicht. Mit der Architektur ist es anders. Architektur ist eher wie ein theoretisches Gebilde, eine Theorie mit mehreren Zugangsmöglichkeiten.

erklärt Monica Bonvicini im Interview mit dem spikeart magazine. Gebäude im Allgemeinen nicht zu mögen, bringt einen in eine schwierige Lage. Wo wohnt man? Den Luxus, ein Gebäude nicht zu mögen, kann man sich beim Berliner Wohnungsmarkt kaum leisten. Doch man kann sich den Sexismus in der Konstruktion von Gebäuden bewusst machen. Vielleicht nicht, um gleich darauf aus der eigenen sexistischen Wohnung ausziehen, sondern vielleicht um einen Teil von Bonvicinis Kunst etwas mehr zu verstehen.

Die Verhaltensweisen in Räumen und die Wahrnehmung von Architektur geschehen oft unbewusst. Architektur und Wohnungsbau werden beeinflusst von gesellschaftlichen Verhältnissen, die wiederum mit der Entwicklung des Geschlechterverhältnisses zusammenhängen. Um also deren Auswirkungen auf den Wohnungsbau nachzuweisen, seien einige Beispiele aus verschiedenen Bauepochen aufgeführt.

In der höfischen Gesellschaft, zum Beispiel im Schloss von Versailles, war die Beziehung der adeligen Eheleute (im Vergleich zur bürgerlichen Ehe) gleichrangiger. So hatte das Schloss von Versailles und auch andere europäische Schlösser und Stadthäuser zwei Flügel mit zwei privaten Apartments von fast identischem Schnitt. Jeder hatte eigene Handlungsbereiche und die räumliche Kontrolle des Mannes über die Frau war gering. In der höfischen Gesellschaft waren die adeligen Frauen nicht für Haushaltsarbeit wie das Kochen zuständig. Damals wurde dieser Bereich ausschließlich von Angestellten übernommen.

Anders gestaltete sich dies in der bürgerlichen Gesellschaft des Zweiten Deutschen Reiches. Sie wurde geprägt von einer erstarkten höfischen Gesellschaft, an der sich das Bürgertum orientierte. Daher trennten die Ehepaare ihre Arbeitsbereiche: Der Gelderwerb und die Erhöhung der gesellschaftlichen Position wurde Aufgabe des Mannes, während Frauen im Privatleben das adelige Vorbild imitierten. Eine Symmetrie der Ehe war in dieser Lebensvorstellung nicht vorgesehen. Mit der steigenden Machtpositionen der männlichen Berufsbürger während der Industrialisierung vergrößerte sich auch die räumliche Macht in den Wohnungen. So gab es in vielen bürgerlichen Villen meist zwei Herrenzimmer, während sich das Damenzimmer zunehmend verkleinerte.

Um die Jahrhundertwende wechselten immer mehr Bedienstete zu besser bezahlten Arbeitsplätzen in den Fabriken: Aufgrund des Mangels an Personal mussten die Frauen nun selbst immer mehr Hausarbeit leisten. Um Arbeitswege zu verkürzen und so die Arbeit zu erleichtern wurde das schrumpfende Damenzimmer zunehmends in der Nähe oder neben der Küche gebaut.

In den 1920er Jahren, in Zeiten der Wohnungsnot der Industriearbeiterschaft, entstanden rein funktionale Kleinsiedlungen. In den Arbeiterquartieren wurde die sogenannte „Frankfurter Küche“ eingeführt, die mit 6,5 m2 als Ein-Frauen-Küche mit Schiebetür zum Wohnzimmer den Arbeiterfrauen die Hausarbeit erleichtern sollte. Diese Küche blieb bis in die siebziger Jahre als Funktionsküche ein gängiges Baumodell.

In den siebziger Jahren änderten sich mit der zweiten deutschen Frauenbewegung und der 68er-Generation auch die Architekturkonzepte. In Wohnprojekten wurde mit neuen räumlichen Anordnungen experimentiert, die mehr Gleichberechtigung ermöglichen sollten. In den achtziger und neunziger Jahren konnten diese architektonischen Neuansätze teilweise in bürgerlichen Bauten realisiert werden. Seit den neunziger Jahren wird die Wohnküche zunehmend bedeutender, da sich dort während der Essenszubereitung alle Familienmitglieder gemeinsam aufhalten konnten. Das gemeinsame Essen entwickelt sich Schritt für Schritt zur einzigen gemeinsamen Aktivität, sodass eine große Wohnküche seit den neunziger Jahren immer mehr an Bedeutung gewinnt.

Trotz der gesellschaftlichen Wandel und architektonischen Veränderungen finden sich selbst heute noch Architekt_innen, die immer noch Arbeitsküchen bauen. Solchen Bauentscheidungen liegen oft zwei Prozesse zu Grunde:

Erstens sind die Menschen heute immer noch von höfischen und bürgerlichen Standards durchdrungen, ohne sie zu reflektieren, auch wenn sie den gegenwärtigen Bedürfnissen nicht entsprechen. […] Zweitens befassen sich die Architekten – wie es scheint – wenig bis gar nicht mit der Familienarbeit und planen daher nicht aus der Perspektive der Betroffenen.

Katharina Weresch

Dass nicht alle Gebäude und Wohnungen nach unseren idealen Vorstellungen gebaut sind, ist leider ein Umstand, mit dem man sich wohl abfinden muss. Und auch wenn Wohnungen heutzutage zum Teil nicht mehr unseren Lebensbedürfnissen entsprechen, ist dies kein Grund ganze Gebäude zu hassen. Man kann Abneigung gegenüber dem Sexismus des Wohnungsgrundrisses empfinden oder darauf plädieren, solche Entwürfe nicht mehr bauen zu lassen. Doch einen Ekel gegenüber Gebäuden kann man sich vielleicht  nur als sehr erfolgreiche Künstlerin leisten.

Quelle: Weresch, Katharina:  «Wohnungsbau im Wandel der Geschlechterverhältnisse». In: Kuhlmann, Dörte [Hg.]: Building Power: Architektur, Macht, Geschlecht. Ed. Selene: Klagenfurt, 2003. S.99 -103.