Spieglein, Spieglein

Monica Bonvicini verwendet in einigen ihrer Arbeiten Spiegel oder Materialen mit spiegelnder Oberfläche. In Don´t Miss a Sec installierte sie zum Beispiel ein verspiegeltes Klohäuschen mitten in der Innenstadt und in ihren Arbeiten Run und Desire schuf sie riesige, die Umgebung wiederspiegelnde Schriftzüge im urbanen Raum. Es ist in diesem Beitrag nun das Material und das Medium Spiegel, welches in den Vordergrund treten soll.

Das allzeit auskunftsfreudige Wikipedia definiert Spiegel wie folgt: „Ein Spiegel (von lat. speculum „Spiegel, Abbild“ zu lat. specere „sehen“) ist eine reflektierende Fläche – glatt genug, dass reflektiertes Licht nach dem Reflexionsgesetz seine Parallelität behält und somit ein Abbild entstehen kann.“

Don’t Miss a Sec’., 2004 Two-way mirror glass structure, stainless steel toilet unit, concrete, aluminum, fluorescent lights, milk-glass panels 250 x 226 x 185 cm

Das Bedürfnis, das eigene Abbild zu betrachten, muss ungemein alt sein, die ersten Spiegel sind somit sicherlich stille Wasseroberflächen gewesen. Die Kunst der Spiegelherstellung und dadurch die Möglichkeit, die eigene Gestalt immer genauer in Augenschein nehmen zu können, wuchsen mit der Zeit über polierte Kupferplatten im alten Ägypten bis hin zum innovativen Spiegelhandwerk aus Venedig. Heutzutage sind Spiegel omnipräsenter Teil unseres Alltags. Dies beginnt schon beim morgendlichen Zähneputzen und der Überprüfung des Gesichts und setzt sich fort in der Kontrolle des eigenen Abbilds in Autoscheiben und Schaufenstern. Spiegel sind fest verankert in der heutigen Realität der ständigen Selbstinszenierung.

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RUN, 2012 12 mm ESG white-glass with inside IpaChrome coating, PVB Foil, 10mm TVG white-glass; DiBond mirror, stainless steel, stainless steel cover (with mirror polished surface), high-performance-LED in plastic cover Overall dimensions: 2150 x 900 x 1860 cm Permanent outdoor sculpture at Queen Elizabeth Olympic Park, London, commissioned in the framework of the London Olympic Games 2012

Aber Spiegel hatten auch schon immer eine Dimension des Absonderlichen. Bestes Beispiel hierfür sind Zerrspiegel, welche besonders gerne in den früheren Lach- und Kuriositätenkabinetten zum Einsatz kamen, sicherlich nicht ohne irritierende oder verstörende Bilder bei den Besucher*innen zu hinterlassen.

Dieses Moment der Kuriosität, das Spiegeln zu eigen ist, äußert sich auch in Aberglaube und Mythen, die über Spiegel entstanden sind. Einer der Bekanntesten ist, dass es sieben Jahre Unglück bringt, wenn ein Spiegel zerbricht, aber es gibt auch den alten Glauben, dass alle Spiegel im Haus einer verstorbenen Person zugehängt werden müssen, damit deren Seele nicht im Spiegel gefangen bleibt für alle Zeit.

Desire, 2006 Stainless steel polished mirror, aluminium structure 230 x 1030 x 160 cm

Die Bedeutungs- und Symbolebene des Spiegels ist äußerst ambivalent. Zum einen ist er das Symbol der Eitelkeit und des Prunks, direkte Assoziationen sind diesbezüglich Narziss, der sich in sein eigenes Spiegelbild verliebte und der Spiegelsaal des französischen Sonnenkönigs Ludwig XIV., ein absolutistischer Herrscher, der wie kein zweiter für Pomp und Selbstbezogenheit steht.

Zum anderen symbolisieren Spiegel auch Erkenntnis, wie zum Beispiel berühmte Spiegeltests mit Tieren zeigen, bei denen untersucht wird, ob sie sich im Spiegel erkennen können. Dieses Erkennen dient in der Verhaltenswissenschaft als Beweis für Bewusstsein. Jaques Lacan sieht im Spiegel das zentrale Medium der Bewusstseinswerdung, in dem das Kind sich im Spiegel zum ersten Mal selbst erblickt und sich seiner selbst bewusst wird.

„Mit Hilfe des Spiegels kam der Mensch nicht nur sich selbst, sondern auch den unendlichen Fernen des Universums näher als mit irgendeinem anderen Medium.“ (1)

Ein weiteres Motiv, das immer wieder auftaucht, ist die Metapher des Spiegels als Portal in eine andere fremde Welt. So findet sich dieses Bild beispielsweise bei Lewis Carrolls Roman Alice hinter den Spiegeln, in welchem die Heldin durch den Spiegel zurück ins Wunderland gelangt oder auch bei Jean Cocteaus Film Orphée von 1950, in welchem der Held durch den Spiegel ins Reich der Toten gelangt, um seine geliebte Eurydice zu finden. Der Spiegel ist somit auch Symbol einer Zwischenwelt, einer zweiten Ebene. Im Spiegel erblicken wir uns selbst und der Spiegel blickt zurück, indem er uns das eigene Abbild zurückwirft, gleichzeitig zeigt der Spiegel uns immer nur eine verdrehte, spiegelverkehrte Variante unserer Gestalt – wir sind es und wir sind es auch wieder nicht.

Foucault beschreibt Spiegel als, eine „Misch-oder Mittelerfahrung“ zwischen Utopie und Heterotopie und formuliert: „Der Spiegel ist nämlich eine Utopie, sofern er ein Ort ohne Ort ist. Im Spiegel sehe ich mich da, wo ich nicht bin: in einem unwirkliche Raum, der sich virtuell hinter der Oberfläche auftut; ich bin dort, wo ich nicht bin, eine Art Schatten, der mir meine eigene Sichtbarkeit gibt, der mich mich erblicken läßt, wo ich abwesend bin: Utopie des Spiegels. Aber der Spiegel ist auch eine Heterotopie, insofern er wirklich existiert und insofern er mich auf den Platz zurückschickt, den ich wirklich einnehme; vom Spiegel aus entdecke ich mich als abwesend auf dem Platz, wo ich bin, da ich mich dort sehe; von diesem Blick aus, der sich auf mich richtet, und aus der Tiefe dieses virtuellen Raumes hinter dem Glas kehre ich zu mir zurück und beginne meine Augen wieder auf mich zu richten und mich da wieder einzufinden, wo ich bin.“ (2)

(1) Slavko Kacunko. Spiegel. Medium. Kunst. Zur Geschichte des Spiegels im Zeitalter des Bildes. Paderborn: Wilhelm Fink, 2010, S.9.

(2) Michel Foucault. „Andere Räume“. Hgg. Karlheinz Barck u.a. Aisthesis. Wahrnehmung heute oder Perspektiven einer anderen Ästhetik. Leipzig: Reclam, 1992, S.34–46, S.39.