Die Zona Monica Bonvicini

Monica Bonvicini wird oft als in Berlin lebende und in Venedig geborene Künstlerin beschrieben, die mit verschiedenen Medien und Materialien Räume besetzt. Ihr wird zugeschrieben Installationen, Skulpturen, Videokunst, Fotografie und Zeichnungen zu machen. Dass sie seit 2013 an der Akademie der bildenden Künste in Wien lehrt, fehlt nicht selten. Darüber hinaus werden ihre Publikationen, ihre kommerziellen Arbeiten, die Performances, Bühnenbilder sowie ihr politisches Engagement ebenfalls oft unterschlagen. Außerdem wird sie auf die Themen De*Konstruktion von Machtstrukturen, Gender, Architektur und Fetisch reduziert. Der Humor als immer wiederkehrendes Thema und auch die Sprache als Diskurs-Raum fehlen in dieser Reduktion auffallend.

Die herrschende Rezeption als politische und feministische Künstlerin sowie die fast schon universalistische Überhöhung von Bonvicini war für mich zunächst abschreckend. Wie soll sich mensch mit einer Künstlerin beschäftigen, die derartig hoch gehoben, wenn nicht gar gehypt wird. Eine Möglichkeit, dem zu entkommen, waren für mich die abseitigen Seiten, wie zum Beispiel ihre Verbindung zu Punk und Pop, zur Revolte, wobei hierbei lediglich ihre Monica Bonvicini BuiltRiot GmbH zum Vorschein kam, und vor allem die Beschäftigung, mit der Zeit, in der sie aufgewachsen ist, in der sie zur Künstlerin wurde und schließlich ihre künstlerische Praxis entwickelte.

Ihr Lob gegenüber artspace an die „good old times“, als Renato Curcio und ihre Ökonomie-Lehrerin in Trento am soziologischen Institut die Revolte diskutierten und in der Konsequenz auch durchführten, ist äußerst bemerkenswert. Dass sie in diesem Zusammenhang mit Curcio einen der Gründer der Brigate Rosse nennt, ist erstaunlich. Vor allem weil dieser Renato Curcio lange Jahre als politischer Gefangener im Knast saß und bis heute als Terrorist gilt, der sich zu keinem Zeitpunkt von den militanten Aktionen der Brigate Rosse distanziert hat. Diese Zeiten sind auch Jahrzehnte später immer noch Teil des kollektiven Gedächtnis der Italiener*innen. Vor allem auch weil sie mit einer mörderischen Staatsverschwörung, faschistischen Anschlägen, politischen Attentaten, einer allumfassenden Repression gegen jedes noch so kleine Pflänzchen der Selbstorganisation, aber auch mit einer militant kreativen Rebellion verknüpft ist, die von verschiedenen Schichten, von Arbeiter*innen und Angestellten, von Intellektuellen und Künstler*innen, von Schüler*innen und Studierenden usw. getragen wurde.

Nicht minder bemerkenswert ist, dass Bonvicini nach Berlin kam, als die sozialen Konflikte in West-Berlin eskalierten. Die autonomen Aktionsformen, die in den 70er Jahren Italien in ein riesengroßes soziokulturelles Laboratorium verwandelt hatten, trafen auch in West-Berlin auf fruchtbaren Boden und mündeten in einer äußerst aktiven autonomen Besetzer*innen-Bewegung. In diesem Zusammenhang muss der 1. Mai 1987 genannt werden. An diesem Tag verjagte die Bevölkerung von Kreuzberg in einer temporären sozialen Revolte die Polizei aus ihrem Kiez. Wenige Jahre später brach der Eiserne Vorhang in sich zusammen. Für einen kurzen Moment öffneten sich vor allem in Ost-Berlin Räume für soziale, politische und künstlerische Experimente. Berlins Mitte wurde zu einer beispiellosen temporären autonomen Zone, deren legendären Orte des ausgelassenen Hedonismus bis heute den Ruf der Stadt als „arm aber sexy“ dominieren. Die politischen und sozialen Kämpfe für Freiräume in dieser Zeit, die bis heute wenig an ihrer Aktualität verloren haben, werden hierbei allerdings zumeist überdeckt.

Ich kann mir, ehrlich gesagt, nicht vorstellen, dass die Zeugenschaft, das Miterleben und die Beteiligung an derartig gravierenden gesellschaftlichen Umwälzungen – manche würden sie revolutionär nennen – keinen tiefer gehenden Eindruck hinterlassen haben. Für mich scheinen diese Erfahrungen subkutan in den Arbeiten, den Äußerungen und dem selbstbewussten Auftreten von Monica Bonvicini immer auch anwesend zu sein. Die italienisch roten und berlinerisch autonomen Zonen schwingen polyphon immer mit. Die Ideen, Diskurse, Verweise und Experimente, aber auch die Musik dieser Zonen haften ihren Arbeiten immer an, ohne dass sie als biographisch reduzierend gelesen werden sollten. Sie scheinen das Bonvicini‘sche Hintergrundrauschen zu sein, das zwar nicht nötig ist, um ihre Kunst fruchtbar zu erleben, aber Platz für Assoziationen öffnen kann.