Conversion Points

Ich stelle mir mögliche Reaktionen auf Never Again vor, eine Arbeit, die in diesem Blog schon an anderer Stelle besprochen wurde (siehe Worlding, Ein Klirren liegt in der Luft, etc.). Die 12 Slings im Hamburger Bahnhof waren nicht lediglich zum Anschauen montiert. So schreibt J*AN in seinem Eintrag !ק״נמאל מצך Plus Jamais! Never Again! Nie wieder! Никогда Больше! auf diesem Blog

Die Ästhetik der Installation beschreibt Bonvicini als klar und unheimlich. Die Besucher*innen mussten durch Stahl- Lederschaukeln hindurch, um die anderen ausgestellten Arbeiten sehen zu können. Einige, so erzählt Bonvicini im bereits erwähnten Vortrag, hatten offenbar etwas Angst, hindurchzugehen. Darüber hinaus interessierte sie, ob Besucher*innen sich in der Öffentlichkeit outen würden, dass sie sehr gut wüssten, wie diese Schaukeln eigentlich genutzt werden.

Insbesondere unter Berücksichtigung dieser Einladung zur Partizipation, stelle ich mir vor, dass die Arbeit einige Besucher*innen irritiert, sie provoziert oder mit Angst und Ablehnung reagieren lässt. Immerhin handelt es sich bei diesen Lederschaukeln um Sexspielzeug, dessen Benutzung von zahlreichen Menschen pervers genannt wird. Gegenteilig dazu äußert sich die Künstlerin zu ihrem Interesse an BDSM-Ästhetik in einem Interview mit artspace:

As far as I’m concerned, anything that’s defined and labelled as deviant, or manifesting some sort of sickness, is worth trusting. If one is thinking about occupying places with one’s work, then one is thinking about power relationships. If one really believes that the personal is political, then the first scene of the crime is the bed. […] In the 1990s, I went with friends to gay sadomasochism clubs in New York City and London. I found these places very liberating […].

Sehr wahrscheinlich gibt es also diametral gegensätzliche emotionale Reaktionen auf dieses Kunstwerk. An dieser Stelle lohnt ein Blick in die Theorie. Die Kulturwissenschaftlerin Sarah Ahmed beschäftigt sich mit dem Zusammenhang von Glück und Objekten. Ihrer Annahme zufolge geht Glück nicht vom Subjekt aus, sondern von Objekten, denen wir die Fähigkeit zuschreiben uns glücklich zu machen. Mit ihrem weiten Objektbegriff – der nicht bloß materielle Gegenstände, sondern auch Ideen, Lebensentwürfe und Menschen umfassen kann – gibt sie die Möglichkeit über Konzepte von Glück aus verschiedenen Perspektiven nachzudenken. So kann der homosexuelle Sohn in den Augen seines Vaters ein „unhappy object“ sein, weil er das Glück in Objekten sucht, die für den Vater kein dauerhaftes Glück versprechen. Verspricht sich der Sohn Glück durch eine homosexuelle Beziehung zu einem Mann, sieht der Vater Glück womöglich nur in einer heterosexuellen Ehe mit Familie.

Analog dazu versprechen die Sexschaukeln in Monica Bonvicinis Augen Freiheit, wohingegen sie in den Augen mancher Museumsbesucher*in Reaktionen der Missachtung und des Unglücks hervorrufen. Folgt man Sara Ahmeds Argumentation ist es allerdings keine private Entscheidung, ob so ein Objekt wie die Lederschaukel ein „happy object“ oder als „unhappy object“ gilt. Objekte zirkulieren innerhalb unserer Gesellschaft bereits als Glückliche oder Unglückliche, weil bestimmte Gruppen eine bestimmte Einstellung diesen Objekten gegenüber teilen. Spannend ist an dieser Stelle Ahmeds Interesse an sogenannten „conversion points“. Damit sind Situationen der Umschreibung gemeint, an denen sich ein „unhappy object“ in ein „happy object“ transformiert. Könnte dieses Potential zur Transformation auch in der kollektiven Erfahrung der Installation Never Again liegen?