Begehren

Vor dem Hintergrund der monumentalen und doch dynamischen Skulptur DESIRE versuche ich in wenigen theoriegeschichtlichen Schritten den Begriff Begehren zu umkreisen. Vor explizit historischem Hintergrund, möchte ich auf zwei aktuell relevante Fragen hinweisen, sie aber nicht beantworten. Wie formieren Räume unsere Begehren? Und: Wie konstituiert das Zusammenspiel von Architektur, Macht und Sexualität unsere Wahrnehmung und unsere Wirklichkeit?

Die Komplexität, das Schillernde und die Widersprüchlichkeit des Begriffs Begehren durchzieht oftmals in schweren Ketten die historischen Diskurse von der Antike bis zur Gegenwart. Es handelt sich um zwei gegenläufige Verständnistraditionen von Begehren: Zum einen eine Traditionslinie, die mit Platon beginnt und über Hegel zu Freud und Lacan – um hier nur einige wichtige Vertreter zu nennen – verläuft, und die das Begehren als Versuch der Überwindung eines Mangels, als das konstitutiv unerfüllbare Streben nach dem Anderen, Abwesenden, Fremden bestimmt. Diese Vorstellung von Begehren als einem Mangel, als einer Kluft, die es zu überwinden und zu füllen gilt, kehrt vor allem auch in kapitalistischen Modellen der Konsumtion, des Warenverkehrs und des Besitzstrebens bis heute wieder. Zugleich impliziert dieser grand récit eine heteronormative Sexualisierung des Begehrens, die mit kulturellen Klischees über vermeintlich männliche und weibliche Eigenschaften bzw. Praktiken verknüpft ist und dazu dient, eine binäre Geschlechterpolarisierung fortzuschreiben.

Doch gibt es eine dazu konträre Position, die sich als Gegenpol zur Festlegung des Begehrens auf einen Mangel historisch in verschiedenen Linien formiert hat. Von Spinoza über Nietzsche bis hin zu Gilles Deleuze und Felix Guattari wird Begehren entsprechend als energetische, spielerische, experimentelle, erfinderische Positivität und Produktivität gedacht.

Baruch de Spinoza verstand bereits in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts Begehren als die Kraft einer positiven Produktion und nicht eines negativen Mangels. Er identifiziert Begehren nicht mit einem Objekt, dessen Erreichung Erfüllung verspricht, sondern konzeptualisiert es als eine hervorbringende, generative Energie, die es vermag, Dinge zu erschaffen, Verbindungen einzugehen und Handlungen ebenso wie Interaktionen zu provozieren. Bei Spinoza wird also die Realität überhaupt erst durch die schöpferische Kraft des Begehrens konstituiert.

Diese Auffassung von Begehren als reiner Produktivität und Positivität wird im 20. Jahrhundert insbesondere von Deleuze und Guattari aufgegriffen und weiterentwickelt. Im Anti-Ödipus ebenso wie in Mille Plateaux/Tausend Plateaus oder ihren Publikationen zum Rhizom verbinden sie eine Kritik an der abendländischen Metaphysik und zugleich am psychoanalytischen Subjekt- und Begehrensbegriff mit einer von Spinoza, Nietzsche und Bergson inspirierten vitalistischen Propagierung universeller Wunschmaschinen. Nach Deleuze/Guattari zeichnet das Begehren aus, dass es gewohnte Grenzziehungen zwischen dem Psychischen und dem Sozialen außer Kraft setzt. Für sie repräsentiert das Begehren nichts, das Unbewusste wiederholt weder bestimmte kulturelle Archetypen (wie Freuds Ödipuskomplex) noch die großen gesellschaftlich wirksamen Vorstellungskomplexe und (Geschlechter-)Ideologien. Das Begehren ist nichts anderes als die Macht einer Differenz, die bewirkt, dass nichts dauerhaft beendet und abgeschlossen wird, sondern beständig etwas in Bewegung ist, dass etwas fließt und flüchtet.

Es geht also um den Versuch, das Begehren nicht von einer Innerlichkeit oder Subjektivität her zu denken, nicht als Symbolisierung einer anderen Realität, eines latenten Sinns, sondern radikal von Außen. Begehren wird also im Kern räumlich und raumgebend gedacht. Daher sind es Bewegungen, Geschwindigkeiten, Strömungen, Fluchtlinien und Deterritorialisierungen, die die Logik des Begehren zu fassen versuchen, das subjektlos, a-zentrisch und in netzartigen Verbindungen organisiert ist. Die Produktion des Begehrens ist nach Deleuze/Guattari keine Phantasieproduktion und sie verweist auf keinen Mangel, sie ist im Gegenteil als Produktion von Wirklichem zu verstehen, als Verfahren der Steigerung und Intensivierung und als Potential beständiger Veränderung, unablässigen Anders-Werdens.