Variationen: Step by Step

Wenn ich die Treppendarstellungen bei Monica Bonvicini in ihrer chronologischen Abfolge betrachte, stelle ich fest, dass es in den unterschiedlichen Werken immer wieder Wiederholungen gibt. Diese können subtiler sein, wie die Verwendung gleichen Materials, oder offensichtlich wiederkehrende Ästhetiken. Hier möchte ich diese Evolution der Treppendarstellungen nachvollziehen.

Stairway to Hell, 2003; Steel stairs, steel chains, broken safety glass, aluminum plates, spray paint, s-hooks, clamps 850 x 360 x 400 cm

Stairway to Hell ist wahrscheinlich die erste Treppe, die Monica Bonvicini entworfen hat. Sie selber beschreibt das Werk gegenüber dem Spikeartmagazin folgendermaßen: „ein Glaspavillon oben auf einer frei stehenden Treppe, die von Ketten gehalten und eingeschlossen wurde. Als die Leute auf die von Ketten umrahmte Treppe stiegen und das Glas erblickten hätten sie vielleicht über Transparenz und Freiheit nachdenken können. Da das Glas aber zerbrochen war, konnten sie weder den ganzen Raum des oberen Stockwerks um die Treppe herum noch die dort hängenden Kunstwerke sehen.“  Dieser Glaskasten erinnert stark an ihre Skulptur White aus dem gleichen Jahr. (Für eine detaillierte Auseinandersetzung mit Stairway to Hell sei auf diesen Text verwiesen: Bonvicini meets Bourgeois II und zum Thema der Materialität: Vision of Glass.)

Scale of Things (to come), 2010; Galvanized steel pipes, galvanized plates and chains, clamps; Approx. 393 x 192 x 485 cm

Darauf folgt 2010, also 7 Jahre später, Scale of things (to come), wobei sich schon alleine im Titel der Verweis findet, dass noch weitere „Dinge“ in ähnlicher Größe folgen sollen. Tatsächlich besteht aber auch eine starke Ähnlichkeit mit Vorangegangenem, denn – wie auch bei Stairway to Hell – das Material besteht aus Metall und Ketten. Zwar ist hier keine Verbindung von unterschiedlichen Stockwerken vorhanden, dennoch können die Museumsbesucher*innen (wie auf einigen Fotos auch zu sehen ist) diese Treppe besteigen, selbst wenn es sie vielleicht nur face-to-face mit einer Wand bringt. Damit ist die Treppe jedoch ortsungebunden und man sieht sie innerhalb unterschiedlicher Ausstellungen immer wieder in anderer Art platziert. Mal steht sie mitten im Raum, dann wieder an einer Wand oder auch direkt vor einem Fenster. Weiterhin ist hier keine dezidierte Platzierung von Lichtquellen vorgesehen. Trotz dieser Unterschiede ist für mich eindeutig, dass es sich bei Scale of things (to come) um eine Weiterentwicklung von Stairway to Hell handelt.

15 Steps to the Virgin, 2011; Block 1: staircase subdivided into three segments: wood, mirror tiles (broken), Fomica, PVC, noise insulation mat (Visotech 2000), rope lights, cables, electrical sockets 107 x 400 x 450 cm; Block 2: staircase subdivided into three segments: wood, mirrors, neon light tubes, metal grid, plywood, noise insulation mat (Visotech 2000), cables 118 x 501 x 372 cm; Block 3: staircase subdivided into four segments: mirror coated wood, black painted wood, screw threads, screw nuts 169,5 x 566 x 436 cm; Block 4: wood, silver PVC 167 x 131 x 222 cm; Sound 16 minutes, loop

Auf diese beiden Werke folgte dann ein Jahr später 15 Steps to the Virgin. (Nebenbei bemerkt: Die einzelnen Treppen sind nicht in der gleichen Größe wie Scale of things (to come) sondern ein bisschen kleiner.) In diesem Fall sollte man weniger von einer Skulptur oder einem Objekt sprechen, wie bislang noch einigermaßen möglich. Sondern es handelt sich ganz klar um eine Installation, schon alleine weil zur Beschreibung ein geloopter Sound von 16 Minuten Länge dazu gehört. Insgesamt vier Treppen sind in einem Raum angeordnet, in dem sich auch Pink Curtain (2002) und Blind Protection (2008/2009) befinden. Zusammen ergeben diese drei Werke die Installation ILLUMInazioni – ILLUMInations (gezeigt im Rahmen der 54. Biennale in Venedig 2011).

Innerhalb von 15 Steps to the Virgin sind diverse Ähnlichkeiten zwischen den einzelnen Treppen zu beobachten. Sie erscheinen beinahe wie eine Evolution. Immer wieder werden die verspiegelten Treppenstufen aufgegriffen und in neue Kontexte gesetzt. Wie man auch der obigen Materialbeschreibung entnehmen kann, wird die Installation insgesamt von der Verwendung von Holz sowie Spiegeln dominiert. Hierbei scheint das Holz einen rein pragmatischen Grund zu haben, insofern als es die Stabilität der Treppen garantiert und auch hauptsächlich mit anderen Materialien verkleidet wird.
Die Verwendung – insbesondere der gesprungenen – Spiegel erinnert im Ansatz an Stairway to Hell, das – wie oben bereits beschrieben – gesprungenes Glas enthält. Jedoch stehen diese beiden Werke nur in einem losen Verhältnis. Im Vordergrund der Arbeit steht die Beziehung zwischen den vier hier ausgestellten Treppen. Insofern ist 15 Steps to the Virgin – wie sich auch im Folgenden zeigen wird – weniger rückwärts als vorwärts gewandt.

On the Table #1, 2013; Polystyrene, acrylic mirror, black latex, paint, spray paint, steel table framework, MDF-board; 77 x 55,8 x 209 cm

Mindestens eine der Treppen aus 15 Steps to the Virgin könnte die Inspiration für das 2013 folgende Object On the Table #1 zu sein. Beide dieser Treppendarstellungen beinhalten verspiegelte Stufen, die mit schwarzer Farbe übergossen wurden. Bei On the Table #1 scheint es sich – wie sonst in keinem anderen Werk – um einen direkten Bezug zu handeln. Die Ähnlichkeiten sind einfach so frappierend. Der entscheidende Unterschied zwischen den beiden Werken – abgesehen vom offensichtlichen der Größe – ist, dass hier eine gerade Treppe dargestellt wird. Im Kontrast: in 15 Steps to the Virgin ist die mit Farbe übergossene Treppe eine gekrümmt, die deutlich an Tintorettos „Tempelgang Mariens“ erinnert (welche die Inspiration für die Bonvicinis Installation bildete). Weiterhin anders ist die Materialbeschreibung. Bei On the Table #1 ist kein Holz zu finden, was ein eher vernachlässigbarer Unterschied ist. Insgesamt lässt sich aber feststellen, dass On the Table #1 – nur von der Ästhetik – weniger wie ein völlig alleinstehendes Werk wirkt und mehr lediglich aus dem Kontext von 15 Steps to the Virgin herausgerissen erscheint.
Irritierend ist nur, dass der Titel On the Table #1 suggeriert, es gäbe mindestens ein Folgewerk. Ich habe in meiner Recherche allerdings keine solches finden können. Allerdings ermöglicht diese Nummerierung die Lesart, die ich hier anstrebe. Denn man kann in diesem Sinne die Treppe aus 15 Steps to the Virgin als Vorgängerversion verstehen, sozusagen als „#0“, und damit als Stunde Null dieser Ästhetik von Treppendarstellung.

Structural Psychodrama #1, 2017; 3 cabinet wall elements, concrete staircase; 120 x 500 x 480 cm

Wiederum zwei der anderen Treppen aus 15 Steps to the Virgin erinnern an die jüngste Treppendarstellung: Structural Psychodrama #1 von 2017. Hier lässt sich ein ähnlicher Aufbau feststellen, nämlich eine Dreiteilung der Treppe, bei der die äußeren beiden Teilen im Vergleich zum Mittelstück nach vorne gezogen sind. Auch finden sich in beiden öfter das Material des Holzes verwendet. Allerdings handelt es sich bei Structural Psychodrama #1 – wie der Titel schon andeutet – erneut nicht um ein isoliertes Werk. Für mich ist jedoch nicht ersichtlich wie der Zusammenhang zu Structural Psychodrama #3 ist, ob es eine #2 gibt und ob diese drei Werke oder auch nur zwei davon zur gleichen Zeit am gleichen Ort ausgestellt werden. Erneut lässt es aber die Assoziation einer „#0“ zu.
Ein entscheidender Unterschied zu 15 Steps to the Virgin ist, dass die hier dargestellt Treppe nur ein „echtes“ Stufenelement in der Mitte aufweist. Die beiden seitlichen Teil erinnern zwar entfernt an Treppen bzw. Stufen oder sogar deren Rückseiten, sie sind aber keine wirklichen Treppen und auf ihren Rückseiten befinden sich auch keine Treppenelemente.
Weiterhin scheint an diesem Punkt sich die Evolution von Bonvicinis Treppendarstellungen erneut zu verändern. Ich möchte fast mutmaßen, dass hier ein Ausblick in die Zukunft gegeben wird. Denn bislang waren die dominierenden Farben meist schwarz und metallisch-silber. Hier werden jedoch hauptsächlich Weiß und Grau-Töne verwendet. Nur in einer einzigen Treppe (natürlich in 15 Steps to the Virgin) sind wir bislang einer weißen Treppe begegnet und dabei auch nur in einem Drittel in einer von vier Treppen.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Treppen bei Monica Bonvicini immer wieder in Mutationen oder Ähnlichkeiten auftauchen. Interessant ist hierbei, dass diese Ähnlichkeiten immer wieder in Gruppen auftreten. Stairway to Hell und Scale of things (to come) bilden hierbei eine Gruppe, die – abgesehen vom Dargestellten, nämlich der Treppe als solches – nur entfernte Ähnlichkeiten zu den folgenden Darstellungen aufweisen. Die bislang zwei Abschnitte der Ästhetik lassen sich auch durch ihre Räumlichkeit unterscheiden. Während Stairway to Hell und auch Scale of Things (to come) abgeschlossene Räume erschaffen, die in beiden Fällen von Ketten begrenzt sind, sind alle anderen Treppen offen.
Trotz dieser Unterschiede ist es spannend zu beobachten, dass Monica Bonvicini immer wieder zu Treppendarstellungen zurückkehrt. Was mich zu dem Schluss bringt, dass sie alle eine Variation des gleichen Themas sind. Es scheint sich sogar um eine stufenweise (pun intended) Auseinandersetzung mit eben diesem zu handeln. Jetzt bleibt nur noch die Frage offen: Welches Thema ist dies?